Speeddating, Waldzauber und ein letztes Mal Tränen.

Reha Erfahrungen.

Als ich am Anfang meiner Erkrankungszeit über das Danach nachdachte, war ich der Meinung, eine Reha (bzw. in meinem Fall heißt es ja noch Anschlussheilbehandlung), ist nichts für mich. Mich mit anderen Krebspatienten auszutauschen, was soll mir das bringen? Vielleicht zieht es mich ja nur mental herunter. Nein, das möchte ich eigentlich nicht.

Goslar, Bahnhof, es ist ungemütlich und der Himmel grau. Stehe also am Morgen des 14.September hier und warte am vorgegebenen Treffpunkt auf den Shuttle Bus zur Rehaklinik. Als der dann endlich auftaucht, ein VW Transporter mit der Aufschrift „Rentenversicherung Bund“, fühle ich mich unendlich alt und denke, was mache ich nur hier. Wir fahren durch den traurig schön erscheinenden Harz und es ist ein wenig so wie bei einer Fahrt zur Auswärts-Schulung: die Fahrt könnte ewig gehen. Aufgeregt bin ich irgendwie, an der Rezeption der Klinik und bei weiteren Stationen muss ich immer ein zweites Mal fragen, um das Gesagte zu erfassen. Ich wünsche mir dann innerlich, dass mein Zimmer, wo ich nun endlich hin darf, auf der Waldseite mit Blick auf den Teich liegt. Wenn das klappt, bin ich schon mal happy.

Ich schaue aus dem Fenster auf den Wald, auf die noch blühenden Pflanzen, auf den „Teich“, also mehr einen See und verspüre Dankbarkeit, dass ich diesen schönen Ort für mich aussuchen durfte, meine Wunschklinik auch bestätigt wurde. Das Zimmer und das gesamte Gebäude sind so eingerichtet, dass es nicht nur funktional passt, sondern auch optisch sehr ansprechend gestaltet ist. Nun gehe ich neugierig drei Etagen tiefer, es ist Mittagszeit.

„Ist hier noch frei?“ Mit meiner Bolognese auf dem Tablett suche ich mir einen Platz an einem der Zweier-Tische, wo jemand sympathisch Aussehendes sitzt. In der Mitte vom Tisch jeweils eine Plexischeibe. Coronabedingt natürlich, aber ich komme mir vor wie beim Speeddating. Ich versuche ein kleines Gespräch und habe Glück, mein Gegenüber ist auch eine von den Neuankömmlingen. So teilen wir das Schicksal der ersten Speisesaalromantik und nach 30min wird gewechselt. Coronabedingt.

Gerade muss ich ein paar Tränen vergießen. Das passiert mir in meiner ersten Woche hier öfter. Freudentränen. Glückstränen. Dankbarkeitstränen. Gleich am ersten Tag hab ich meinen Lieblingsplatz gefunden: eine Bank am Teich. Es ist still hier, es ist schön hier, hier kann man in sich hineinversinken. An etwas denken oder an nichts denken. Und einfach nur genießen was an Natur und Tagesstimmung da ist. Auch bei Regen sitze ich hier und freu mich über diesen schönen Flecken Erde.

Bewusst stelle ich mir die Frage, wieviel Kontakt mit anderen will ich haben? Sich auszutauschen ist gut und wichtig, Zeit mit sich allein für mich aber hier noch wichtiger. Neben den Gedanken, die man ausleben kann, ist es auch die Umwelt, die man allein bewusster wahrnimmt. Ich beachte jede Veränderung der Natur, den Himmel, die Wasserspiegelungen, die Spinnennetze im Morgentau, die Stille, die Vielfältigkeit und Lebendigkeit des toden Waldes. Nichts, was mich ablenkt.

Sport machen und Entspannungsmethoden lernen sind für mich die wichtigsten Komponenten dieses Aufenthalts hier. Nie wollte ich Nordic walken, hier mache ich es, nie habe ich mich für Progressive Muskelentspannung interessiert, hier lerne ich es zu mögen. Auf die Atemtherapie freue ich mich jedes Mal, das Schwimmen im Schwimmbad wird zur kleinen Mutprobe. Das erste Mal seit ich einbrüstig bin, im Badeanzug die Schwimmepithese. Wie fühlt es sich an im Wasser? Hinterher ein paar Erleichterungstränen. Die größte Dankbarkeit empfand ich bei der Einzelkrankengymnastik. Die Physiotherapeutin nahm sich meiner Narbe an. Vor allem der Berührungsangst entgegenwirken.

Nach fast der Hälfte der Reha Zeit habe ich das erste Mal(und es bleibt auch das einzige Mal) Gesprächsgruppe in Therapieplan stehen. Wir sind nur zu viert, drei Frauen und ein Mann. Davon abgesehen, dass ich es besser gefunden hätte, nur mit Frauen mit „meiner“ Krankheit in der Runde zu sitzen, nimmt mich auch die Geschichte des gerade mal 40jährigen J. total mit. Er ist der erste, der erzählt. Meine Tränen laufen und laufen. Was muss man aushalten? Die beiden Frauen erzählen nacheinander ihre Storys, zum Schluss bin ich dran. Ein letztes Mal fließen die Tränen. Es ist jetzt zu Ende erzählt. Ab jetzt ist die Trauerphase vorbei.

Wir hatten einige lange Tage mit Regen und Kälte, schon fast wie Winter. Dann aber gibt es doch wieder Sonne. Mit B. und B. verabrede ich mich am Nachmittag nach geschafftem Tagesplan zu einer schönen Wald – und Wiesen Runde. Jede von uns hat so ihre Lieblingsrunden gefunden, wir genießen alle drei den Waldzauber im Harz. Es fällt von daher nicht schwer, den Spaziergang gemeinsam zu genießen. Wir finden einen Weg, der neu für alle ist, an Teichen entlang, zwischen gräserbewachsenen abgeholzten Flächen und intaktem zauberhaften Wald, wo wir die hübschen Fliegenpilze wie die Weltmeister fotografieren. Nebenbei erzählen wir uns von den schönen Banalitäten unseres Lebens. Der Krebs ist gerade kein Thema. Er bleibt immer mehr außen vor.

Ps: Das von mir ausgewählte ist natürlich nur ein klitzekleiner Abriss der Rehabilitationsmaßnahme. Ein Fazit möchte ich jedenfalls noch aufschreiben: mit einer positiven Einstellung dazu und nicht so riesigen Erwartungen kann ich nur jedem eine solche Auszeit empfehlen. Ich freue mich jedenfalls, dies in einem gewissen Abstand wiederholen zu dürfen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Gabi Lenz Gabi Lenz sagt:

    Dankeschön für Deine berührende Reise zum ICH. Schon die Bilder während Deines Aufenthaltes haben den Wandel in Dir erahnen lassen und ich bin froh, dass Du diesen wichtigen Baustein so vollkommen mit uns allen geteilt hast. Es ist einfach schön Dich wieder bei uns zu haben ….
    Liebe Grüße und bis gleich Gabi💛

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    1. Und wieder einmal: Danke an dich liebe Gabi 🥰🥰🙋‍♀️

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