Drei von 69.000. Neunundsechzigtausend!

Teil I

Ich, Bianca und Bettina. August 2022

Eine von uns ist 33, hat ihre Krankheit überstanden und fängt nach einem Jahr wieder an zu arbeiten. Eine von uns ist 52, weiß seit ein paar Monaten dass sie metastasiert ist und nun Medikamente ihr ganzes Leben einnehmen wird. Eine von uns ist 48, hat nur noch eine Brust und weiß immer noch nicht ob das Biest besiegt wurde. Das bin ich. Eine von Dreien. Drei von 69.000*, die jedes Jahr an Brustkrebs erkranken. Drei Berichte von drei starken Frauen, die sich nicht von der Krankheit das Leben diktieren lassen wollen.

Prolog: Am Anfang meiner Diagnose habe ich mir selbst gesagt ‚Mensch das haben so viele’, um mir irgendwie das Drama zu nehmen. Weil mich mein eigenes Drama genervt hat. Dann war mein Weg durch die Therapie vorgegeben und ich dachte, wenn das alles „abgearbeitet“ ist, bin ich gesund. Spätestens, wirklich spätestens in einem Dreiviertel Jahr. Die Heilungschancen stehen ja generell gut, sagt die Wissenschaft. Heute ist das Dreiviertel Jahr längst um, geheilt bin ich noch nicht, der Weg hat Umwege genommen und was ich gar nicht hören kann, wenn mir andere sagen: guck mal, wieviele das auch haben. Es ist eben kein richtiger Trost, zu wissen, dass es soviele Frauen haben. Ich wollte den Krebs nicht und es wird durch das Wissen darum für mich auch nicht leichter. Den Kampf kämpft man letztlich alleine. Vergleichen ist immer doof, und speziell hier so richtig unpassend.

Eine Beleuchtung mit fünf Fragen in Form eines Interviews. In der Reihenfolge des Zeitpunkts der Diagnosen.

Wie verlief für Dich der Tag der Diagnose?

Bianca, 33 Jahre, Diagnose Mai 2021. Da sich die anfängliche Diagnose später noch mal änderte, gab es bei mir mehrere Diagnose-Tage.
Den ersten Schlag hat es mir versetzt, als die Gynäkologin im Mai letztes Jahr die Mammographie-Ergebnisse sichtete und mir mitteilte, dass die Bilder bedenklich aussähen. Der Verdacht einer Brustkrebsvorstufe wurde erstmals ausgesprochen. „Nicht schon wieder Krebs“, war mein erster Gedanke. Die Tränen flossen, in mir kamen Ängste hoch.
Es folgten eine Biopsie und ein MRT, um herauszufinden, was es tatsächlich ist. Die kommenden Tage befand sich meine Gefühls- und Gedankenlage im Ausnahmezustand. Diese Ungewissheit machte mich zeitweise wahnsinnig und ich versuchte mich, so gut es geht, abzulenken. Insgeheim hoffte ich, dass es bei der Vorstufe bleibt. Sie wäre das kleinere Übel gewesen, mit dem ich gut hätte leben können. Keine Chemo, keine Bestrahlung.
Im Befundgespräch zwei Wochen später wurde bestätigt, was zunächst als Verdacht im Raum stand: eine Vorstufe! Das war also die erste Diagnose. Ich atmete auf! Eine OP war dennoch notwendig, wie mir die Ärztin mitteilte. Auch darauf reagierte ich gefasst. „Was weg muss, muss weg.“, so meine Einstellung. In der OP, die ein paar Wochen später stattfand, wurde also das betroffene Brustgewebe entfernt und durch ein Silikonimplantat aufgebaut.
Zwei Wochen später kam es zum erneuten Befundgespräch – dieses Mal vom Gewebe, das bei der OP entnommen wurde. Ich war davon überzeugt, dass es bei der Vorstufe bleibt. So überzeugt, dass ich um keine Begleitung aus dem Freundes- oder Familienkreis gebeten hatte. Natürlich kamen auch öfter Gedanken auf wie „Was, wenn es doch Brustkrebs ist?“, doch die Zuversicht überwog. Es kam anders. Ich saß nun wieder im Arztzimmer, in dem ich mich die letzten Wochen mehrfach befand. Die Ärztin leitete den Befund mit bedauernden Worten ein: „Leider wurde bösartiges Gewebe gefunden“. Bäm! Ich fühlte mich wie im falschen Film. Mein Vertrauen in mich und meinen Körper war von einem Moment auf den anderen zerrüttet. Ich dachte: „Wieder die ganze Prozedur, die ich bereits als Teenager mit einer anderen Krebsform durchgemacht hab. Das kann nicht sein!“
Ich war gerade dabei, ein neues Kapitel zu starten, nachdem ich zwei Monate zuvor als Single in eine eigene Wohnung gezogen bin. Ich habe mich bereit für einen neuen Lebensabschnitt gefühlt; mich ehrlich darauf gefreut. Nun, das Kapitel startete holpriger und anders als ich dachte.

Bettina, 52 Jahre, Diagnose August 2021. Ich kann mich noch gut erinnern. Es war ein Mittwoch, der 18.08.2021. Am Montag davor ertastete ich einen komischen Knubbel in meiner rechten Brust. Ich kenne das schon, aber dieses Mal war es irgendwie anders. Ich versuchte meine Frauenärztin telefonisch zu erreichen, vergeblich. Also schickte ich eine E-Mail. Tatsächlich rief die Praxis am nächsten Morgen an, ich solle sofort kommen. Dann ging alles sehr schnell. Ich höre immer noch die Sätze meiner Ärztin: „Das sieht nicht gut aus. Ich habe mich nur einmal geirrt in meiner Laufbahn.“ Ich habe mir so gewünscht, dass sie sich irrt. Und dann ging es los. Noch am gleichen Tag wurde ich ins Brustzentrum überwiesen. Dort wurden verschiedene Untersuchungen gemacht und eine Gewebeprobe entnommen. Auch da hörte ich den Satz wieder: „Das sieht nicht gut aus.“ Ich fragte noch, wie es weitergeht. Die Ärztin meinte: “Selbst wenn der Befund der Gewebeprobe negativ ist, würden wir es anzweifeln. Das ist zu 100% Brustkrebs.“. Es fühlte sich so unwirklich an. Das passiert doch immer nur den Anderen und nicht mir. Ich fuhr mit der Straßenbahn vom Klinikum nach Hause. Ich wollte noch ein bisschen „allein“ sein und das Gefühl von Eigenständigkeit haben. Ich ahnte, dass ich in den nächsten Monate mehr auf Hilfe angewiesen sein würde. Ganz viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Das Schlimmste für mich war: Wie bringe ich es meinen Lieben bei? Was tue ich Ihnen damit an, besonders meiner Tochter? Sie sagte irgendwann zu mir: „Mama, dass tust nicht du. Das ist der sch… Krebs.“

Kathrin, 48 Jahre, Diagnose Oktober 2021.„Da wird nichts sein!“ – Das habe ich gedacht, das haben mir meine Kollegen gesagt, meine Freundinnen, Micha…Alle. Es kann einfach nichts sein, weil ich mich doch gesund fühle. Und außerdem hatte ich doch schon vor einem halben Jahr eine Mammographie, mit dem Ergebnis, dass es wahrscheinlich nur eine Verkalkung ist, vom Stillen früher. Der 1.Oktober ist ein richtig schöner sonniger Tag und meine liebe Zumba Vertraute Angelika begleitet mich ins Brustzentrum. Meiner Mutter mochte ich nicht diese direkte Aufregung zumuten, meine beste Freundin ist im Urlaub. So gehen wir beide in den Wartebereich und warten endlose Minuten. Wir verstricken uns gegenseitig in ablenkende Gespräche. Dann ruft die Ärztin mich auf und die nächsten Minuten sitzen wir wie Statisten im falschen Film. Zusammen weinen. Später sitzen wir in nem Café außerhalb und überlegen wie es jetzt weitergeht. Morgen wollen Micha und ich mit meiner Freundin Katie in die Weinberge fahren. Ich sage nichts zu ihr. Diese schöne Zeit soll nicht deswegen traurig werden. Nur meine Eltern erfahren es noch am selben Tag. „Das wird schon. Das ist gut behandelbar.“ Sage ich. Blabla. Nur nicht schon wieder heulen.

Wie war Deine Einstellung zu den Therapien und was waren ihre Möglichkeiten?

Bianca: Nun war es raus: Brustkrebs. Die Diagnose lag auf dem Tisch und nun musste ich was damit machen. Wirkliche Gewissheit, wie weit fortgeschritten der Krebs war, konnte aber erst durch das Staging beurteilt werden. Es war also nur halb gewiss. Die Warterei war mit das Schlimmste, weil mein Kopfkino im On-Modus war. Es folgte eine Reihe an Untersuchungen und mit Beendigung des Staging wurde auch der Plan für die nächsten Monate klar. Ich akzeptierte schnell die Situation bzw. die Diagnose und setzte nun all meine Kräfte ein, die ich so sehr für die nächsten Monate brauchen würde. Für mich stand im Vordergrund: Ich mache das, was erforderlich ist, und das waren in meinem Fall eine Chemotherapie, eine
weitere OP und eine einjährige
Antikörpertherapie. In der zweiten OP wurden mehr als 10 Lymphknoten entfernt. Im August letztes Jahr ging schließlich die Chemo los und dauerte bis Ende Dezember an.

Bettina: Bei mir stand relativ schnell fest, dass ich eine Chemotherapie bekommen soll. Der Krebs war bereits fortgeschritten. Ich hatte drei Tumore. Zu einem Lymphknoten in der Achsel waren die Krebszellen auch schon vorgedrungen. Das hatte die Gewebeprobe ergeben. Okay, alles klar. Chemotherapie-packen wir es an. Meine Einstellung zu diesem Zeitpunkt. Brustkrebs ist eine Erkrankung und die muss behandelt werden. Das wird sicherlich nicht schön, muss aber sein. Punkt! Für mich gab es da noch wenige Emotionen. Ich bin in solchen Situationen sehr pragmatisch. Ich informierte mich über Nebenwirkungen und was ich dazu beitragen kann, dass am Ende alles wieder gut wird. Mein Lieblingsspruch zu dieser Zeit war: Am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist. Dann ist es noch nicht das Ende. In meiner damaligen onkologischen Praxis hing dieser Spruch auch. Wie bezeichnend. Heute kann ich diesen Spruch nicht mehr hören. Das liegt an der Tatsache, dass im Moment nicht mehr alles gut werden kann. Im Februar wurde bei einer Verlaufskontrolle festgestellt, dass der Krebs bereits gestreut hat. Ich habe Knochenmetastasen. Man sagte mir, dass das die guten Metastasen sind. Okay? Das muss man verarbeiten. Ab diesem Zeitpunkt war klar, eine Heilung gibt es nicht mehr. Seit April bekomme ich eine Therapie mit mehreren Medikamenten, die ich übrigens bis zum Lebensende nehmen muss bzw. so lange sie wirken. Dazu gehört auch ein neues Krebsmedikament, das gezielt das Wachstum der Krebszellen blockieren soll. Die Nebenwirkungen machen es mir dabei allerdings nicht leicht. Ich kämpfe jeden Tag und versuche so „normal“ wie möglich zu leben. Das neue Medikament macht mir Hoffnung. Damit ist die Prognose ganz gut, aber es wird nicht mehr alles gut.

Kathrin: Die Aussicht, die die Oberärztin nannte, nämlich dass manchmal der Tumor komplett verschwindet, ist ein bisschen zur Erwartungshaltung für die Chemotherapie geworden. Der Port kam in meine rechte Seite, oberhalb der Brust (was bei mir auch schon ne Story für sich war), und dann ging es eine Woche später schon los. Ich horchte an diesem allerersten Therapie Tag extrem in mich hinein und reagierte auch gleich extrem. Für meinen Ruf als Angstpatientin legte ich mit einem Fast-Kreislaufkollaps den Grundstein. Jedes „Anstechen“ in diesen ganzen Wochen war für mich kein Klacks wie bei anderen Frauen vielleicht, immer tat es dabei und auch hinterher weh. Aber ich dachte das muss so. Jetzt erst erfuhr ich in einem Gespräch mit Bettina, dass es auch dafür hätte kleine Hilfsmittel gegeben. Das ist das, was eigentlich auch die Schwestern in der Praxis immer gesagt haben: Man muss nichts aushalten. Die ersten 4 Chemos sind in meiner heutigen Erinnerung einfach eine dunkle Zeit. Während es am Nachmittag nach der Gabe immer noch ging, nur immer so latent flau im Magen und müde, spitzte es sich zum Abend hin jedes Mal zu: eingefallene Augen, Übelkeit, Hitze am Kopf und beim schlafen, als ob der Kopf sich gleich sprengt. Jedenfalls war letztlich trotzdem bei mir die Sorge wegen der Nebenwirkungen größer als sie dann real waren. Aber es waren immer noch genug, um die letzten Therapietage sehnlichst herbeizuwünschen und zu hoffen, dass es auch gewirkt hat. Meine Phasen während der nun fast 12 Monate währenden Therapie, OP und wieder Therapiezeit: Angst und Vertrauen, Durchhalten und Informieren, Durchschnaufen, Angst und Mut, Trauer, Aufbruch und Initiative.

Fortsetzung im nächsten Blogbeitrag.

*Quelle: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs-definition-und-haeufigkeit.html

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  1. Avatar von Angelika Angelika sagt:

    Wahnsinn, das zu lesen. Wie real, wie ehrlich, wie traurig, wie hoffnungsvoll. Man kann vor Krankheiten nicht wegrennen. Man muss wohl mit den Tatsachen leben und umgehen. Ihr seid so tapfer. Ich wünsche euch Dreien ganz viel Glück.

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