Drei von 69.000. Neunundsechzigtausend!

Teil II

Wie reagierte Dein Umfeld und was tat Dir gut in dieser Zeit?

Bianca: Ich hatte den besten Rückhalt durch meine Familie und Freunde. Meine Familie wohnt nicht um die Ecke. Eben mal vorbeischauen, war nicht drin. Meine Mama war dennoch öfter zu Besuch da. Auch auf meine Freundinnen und Freunde konnte ich immer zählen. Ebenso erkundigen sich meine Kolleginnen und Kollegen regelmäßig nach mir und schickten mir liebe Pakete zu. Ich bin dankbar für all die lieben Menschen. Ich hatte niemals das Gefühl, dass sich Menschen in meinem Umfeld zurückziehen – eher im Gegenteil.
Geholfen hat mir außerdem das Meditieren, das ich während der Behandlung angefangen habe. Mittlerweile gehört es zu einem festen Bestandteil in meinem Alltag. Auch die Gespräche mit meiner Psychologin waren hilfreich. Ich konnte mit ihr über all meine Sorgen sprechen.
Ich bin, so gut es ging, meinen Tätigkeiten im Alltag nachgegangen: einkaufen, rausgehen, mit Menschen telefonieren oder treffen. Eben das Leben leben, auch wenn es jetzt etwas anders war. Zum Glück fand alles ambulant statt. Zuhause zu sein, hat mir sehr viel bedeutet und mir beim Gesundwerden geholfen, hatte ich das Gefühl. Was mich sonst begleitet hat:
• „It’s Okay“ – Gehört im gleichnamigen Song von Nightbirde, hat mir das Zitat
geholfen, mich in Akzeptanz zu üben. Dass es beispielsweise ok ist, mich gut, aber auch mal richtig scheiße zu fühlen. Das Zitat ist immer noch wichtig für mich.
• Auszug aus dem Song „Wie du Bilder malst“ von Tiemo Hauer. Die Worte habe ich mir in Form eines Bildschirmhintergrunds festgehalten. Es erinnert mich daran, dankbar für das zu sein, was ich habe – Großes wie Kleines. Und dass das Glück schon vor mir liegt, trotzdem der nicht einfachen Zeit während der Behandlung.

Bettina: Vorab muss ich sagen, dass ich mit meiner Diagnose und den Auswirkungen sehr offen umgehe. Ich rede darüber und man kann mich immer fragen. Ich habe zum Beispiel meine Glatze mit Stolz getragen. Die Perücke war nicht meine Freundin. An guten Tagen kann ich mit viel Humor damit umgehen. Manchmal ist er auch ein bisschen schwarz. Das ist meine Art klarzukommen. Auf keinen Fall möchte ich es bagatellisieren. Jede und jeder muss dabei ihren bzw. seinen Weg finden. Ich möchte so „normal“ und selbständig wie möglich in dieser Zeit leben. Tolle Sachen erleben, wunderbare Erinnerungen schaffen, Freunde treffen, viel lachen und was noch so alles zu einem schönen Leben dazugehört. Tatsächlich sind die Freunde geblieben. Einige Beziehungen haben sich in dieser Zeit weiterentwickelt und sogar neue Freundschaften sind dazugekommen. Ich glaube, indem ich so mit meiner Erkrankung umgehe, wie ich umgehe, machte es das möglich.

Kathrin: Von Anfang an tat es mir gut, Gedanken aufzuschreiben. Festhalten und mitteilen. Und dann rausgehen damit. Erst habe ich auch noch alles rausgetanzt, Musik hat meine Stimmungen gut verstärkt. Und ich wollte auch auf keinen Fall ins Abseits geraten, habe total gerne weiter in meine Zumbagruppen Videos geschickt und liebe Nachrichten. An meiner Arbeitsstätte wurde ich freiwillig zur Außenreporterin. Eine Zeitlang habe ich diesen Podcast gehört: Zwei Frauen zwei Brüste. Den hat mir Bettina empfohlen. Mit Frauen im Austausch zu stehen, die dieselbe Krankheit zum selben Zeitpunkt bekämpfen, ist für mich ganz besonders: weil man nichts weiter erklären muss. Weil sie es genauso durchleben. Mit meinen zwei besten Freundinnen hat mich diese Zeit noch enger zusammengeschweißt, vor allem in der Chemo Phase haben die beiden mich immer an den Therapie – Tagen aufgefangen, auf mich aufgepasst. Meine Jungs waren jeder auf seine Art auch immer für mich da. Meine Mutter hat fast jeden Morgen gefragt wie es mir geht. Manche Menschen haben Angst davor, Krebskranke zu fragen wie es ihnen geht. Weil man nicht weiß wie man damit umgehen soll. (Mir erging es früher auch so, heute handle ich anders) Viele Menschen haben sich wirklich rührend um mich gesorgt, haben mitgefiebert, sind mit mir spazieren gegangen, haben mir kleine Motivationsgeschenke gemacht und immer wieder aufmunternde Worte gehabt. Das hat mich jedes Mal sehr berührt und dafür bin ich wirklich richtig dankbar.

Hat sich etwas für Dich geändert in dieser Zeit bzw. nach der Erkrankung?

Bianca: Ich bin gelassener geworden. Zum Beispiel bei der Arbeit, die ich nach einem Jahr Pause wieder aufgenommen habe. Sie ist wichtig, sie macht mir derzeit Spaß und dennoch ist mir mein Wohlbefinden wichtiger. Ich versuche, beides in Einklang zu bringen und bisher fühlt es sich gut an. Ich habe in meiner Abwesenheit gemerkt, dass meine Aufgaben auch ohne mich weitergehen. Das zu erfahren, empfand ich als sehr lehrreich.
Und obwohl sich körperlich doch einiges verändert hat, habe ich nach der ersten OP so einen unglaublichen Push verspürt. Eigentlich verrückt. Ich hab mich tatsächlich wohlgefühlt in meinem Körper, mit der neuen Brust, und tu es immer noch. Natürlich gab es während der Behandlung auch Tiefpunkte; Tage, an denen ich mich nicht wohlgefühlt habe; an denen die Nebenwirkungen einfach da und nicht schönzureden waren. Doch mir ist klar geworden, dass mein Körper so unglaublich gut ist und ich freundlich zu ihm sein möchte. Ein Monat nach Chemobeginn habe ich ein Fotoshooting ohne Haare machen lassen. Ich wollte den Moment festhalten. Wenn ich die Fotos ansehe, spüre ich immer noch jede Menge Stolz.

Bettina: Ich werde oft gefragt, ob ich jetzt mehr das Positive sehe. Das habe ich schon immer gesehen, jetzt versuche ich das Negative stärker auszublenden. Für mich hat sich viel verändert. Ich war vorher ein gesunder Mensch. Das ist auch aktuell einer meiner Lieblingssprüche: Wenn ich keinen Krebs hätte, wäre ich gesund. Ich hatte in der Vergangenheit immer viel Verständnis für alle und alles. Das ist meistens heute auch noch so. Allerdings setze ich mich und meine Bedürfnisse öfter durch. Mir hat während der Therapie jemand etwas Wichtiges gesagt: „Du trittst hier nicht an, um den Pokal der beliebtesten Patientin zu gewinnen.“ Das verstehe ich jetzt erst so richtig. Leider muss man oft um Kleinigkeiten und mit der Bürokratie kämpfen. Das finde ich traurig, beschämend und sehr anstrengend. Ja, was hat sich noch verändert? Es gibt mehr Bilder von mir. Ich habe bestimmte Situationen festgehalten oder festhalten lassen. Meinen Körper nehme ich anders wahr. Es ist erstaunlich, was er so leisten kann. Natürlich hat er sich verändert, aber die zusätzlichen Kilos gönne ich ihm. Meinen Geburtstag feiere ich jetzt. Ich mochte die viele Aufmerksamkeit sonst an diesem Tag nicht. Mit der Diagnose hat man ständig Aufmerksamkeit, ohne es zu wollen. Vermutlich habe ich mich daran gewöhnt und komme jetzt besser damit klar.

Kathrin: Eigentlich hab ich die letzten Jahre immer ein straffes Tagesprogramm gehabt. Nicht immer mit Pflichtaufgaben, sondern auch viele selbstausgesuchte Nebenbeschäftigungen. Schöner Stress wie ich gerne sag(t)e. Oftmals kam mein Perfektionismus und gewisse Erwartungen auch noch dazu. Ich war extrem unruhig in vielen Phasen des Tages oder der Woche. Das habe ich nun teilweise schon gut abgelegt. Nicht alles muss fertig sein, wenn der Besuch kommt. Nicht alles was man am Tag geplant hat, ist wichtig. Zuviel eigenes Entertainment nimmt dem einzelnen Highlight die Würdigung dessen. Weniger ist mehr. In mancherlei Hinsicht bin ich mutiger geworden. Wenn du nicht nachfragst beim Arzt wegen deiner Krankheit, auch wenn die Antwort hässlich sein könnte, verpasst du eine Chance. Also habe ich mich einige Male getraut, Fragen zu stellen. Und: Ich bin mir viel mehr der Endlichkeit des Lebens bewusst.

Was wünsche ich mir heute? Also genau heute?


Bianca: Definitiv Gesundheit; dass der Krebs fern bleibt! Außerdem wünsche ich mir, die Gelassenheit und innerliche Stärke beizubehalten. Ich möchte außerdem noch ganz viel sehen, nah wie fern. Zum Beispiel ist eine Reise mit dem Motorrad durch Namibia ein Traum! Und ich wünsche mir auch, Vertrauen aufzubauen bzw. ein Stück weit zurückzuerlangen: in mich und meinen Körper. Ich denke, ich bin auf einem guten Weg.

Bettina: Ich habe vorhin meine Morgenrunde im Park gedreht. Da saßen zwei kleine Mädchen und haben beseelt miteinander gespielt. Das wirkte so unbekümmert und leicht. Ich wünsche mir diese kindliche Leichtigkeit und Hoffnung. Ich möchte einen Tag ohne Schmerzen, Einschränkungen und mit ganz viel himmlischer Glückseligkeit. Der größte Wunsch wäre morgens aufzuwachen und dieser Alptraum wäre vorbei.

Kathrin: Heute hat sich mein Therapieplan für die nächste Zeit um 180 Grad gedreht. Statt „leichter“ Chemotherapie in Tablettenform bekomme ich nun doch eine Antihormonbehandlung. Und das als Ergebnis aus einem Zweitmeinungsgespräch. Ich wünsche mir, dass sich Ärzte viel mehr Zeit nehmen für die Diagnosen der Patienten, dass sie Möglichkeiten ausloten auch über die vorgegebenen Untersuchungen hinaus, genau hinhören, genau hinsehen und sich Zeit für die Ergebnisse aus der Krebsforschung nehmen. Denn die geht weiter, und wenn es die Ärzte nicht wissen, wie sollen es erst die Patienten wissen. Außerdem wünsche ich mir einen persönlichen kleinen Hobbit (und vielleicht sollte den jeder haben), der alles von mir selber weiß und sich mit allem da draußen auskennt. Der dann, auch wenn man keine Kraft mehr hat für den xten Anruf oder die 100ste Eigenrecherche, den ärgerlich machenden Behördenbesuch etc., den Hörer in die Hand nimmt und alles regelt.

Die Idee unseres Beitrages ist, unsere Erfahrungen weiterzutragen, Wichtiges selber zu reflektieren, das individuelle dieser Krankheit zu zeigen und wie wichtig ein Austausch ist. Jede von uns hat die Fragen für sich beantwortet, und ich hab sie lediglich zusammengefügt. So wie ich uns drei zusammengefügt habe. Schön Euch zu kennen, ihr tollen Frauen 💛.

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  1. Avatar von Gabi Lenz Gabi Lenz sagt:

    Was für starke Artikel, ich musste erstmal alles lesen, um weiter zu verstehen und einmal mehr zu sehen, wie wichtig der Austausch auch für das gegenseitige Wohlbefinden ist. Eine wunderbare Idee liebe Kathrin, Deine Geschichte und die dieser starken Frauen mit uns allen zu teilen, uns zu informieren und ja – auch ein Stück weit vorzubereiten …
    Herzlichen Dank für so viel Offenheit und wie Tiemo Hauer treffend sagt – es gibt jeden Tag mindestens ein kleines Glück, egal wo man steht. Deine Zeilen sind ein solcher Moment, denn Ihr alle schaut nach vorn und lebt Euer Leben. Herzlichst Deine Gabi:-)

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