Man muss auch mal negativ sein dürfen.

In meiner aktuellen Phase, der Krankheitsphase, höre ich oft den Satz: du bist ja so ein positiver Mensch. Ob das Familienmitglieder sagen oder Freunde, Kollegen oder Bekannte. Egal. Sie sagen es, weil sie nur einen Teil von mir wahrnehmen. Den sie sehen, wenn wir uns sehen. Dass was ich zeige. Das was ich erlebe. Weil ich schönes erleben möchte, wenn ich schon so eine nicht schöne Zeit durchstehen muss. Weil die Endlichkeit des eigenen Seins, das Bewusstsein daran, eigentlich nichts anderes zulässt. Schöne Dinge tun und in sein Inneres horchen, für was man sich jeden Tag entscheidet, was zu tun.

Schöne Dinge erleben

Die negativen Momente lassen mich manchmal schwer werden. Die passieren zuhause, mit mir selbst und im engsten Kreis. Ja ich weiß, jeder hat sein Päckchen. Jeder hat sogar meist mehrere Päckchen. Vor zwei Monaten, nach der Brust OP war mein schwerstes die fehlende Brust.

„Weinen. Einmal fast, als ich einer Sprachnachricht von meinem Zustand zwischen nicht mehr drüber reden wollen und damit wichtig genommen werden wollen, spreche. Dann richtig, nachts als M. meine Brust liebkost und ich einfach gern hätte, dass die andere Seite genauso noch da wäre zum schöne Gefühle haben. Dann heute, bei Ankes Einzugsparty. Als ich mit P. spreche und ihr Tattoo am Arm sehe, lese und dann die englischen Zeilen verstehe. „Du wirst immer in meinen Gedanken sein.“ Es überkommt mich volle Kanne, eine Mischung aus Gerührtsein, Trauer und die Gedanken zu meiner eigenen Geschichte, die mich immer an J. denken lassen. 🥲🥲“

„Ich habe nur noch eine Brust. Nicht freiwillig. Rein Schönheitschirurgisch könnte ich noch zwei haben, eine echte und eine künstliche. Freiwillig hab ich mich allerdings dagegen entschieden. Und für eine Fake Brust. So Fake, dass sie beim Ausziehen des Push up Bhs nicht nur kleiner ist als es aussieht, sondern gar nichts da ist.“

Es ist ein langer Weg, sich so anzunehmen mit dem „Makel“, mit dem Mal, was immer erinnern wird. Ich trauere, verfluche es, denke manchmal immer noch, dass es ein schlechter Traum ist. Aber dann kommt die Erkenntnis: „du bist nicht nur dein Körper, nicht nur dein Aussehen“. Du bist viel mehr: deine Herzlichkeit, dein Humor, dein Charme, deine Mitteilsamkeit, dein Engagement, deine Positivität, deine Liebe und noch mehr viel mehr.

Und dann ist es heilsam, das Schöne in der Natur wahrzunehmen.

„Fünf Dinge, die ich heute zu tun hatte: Drei Schmetterlingen beim Tanzen zuschauen. Dem Weg der Wolken folgen. Wiesenblümchen unter die Blüten gucken. In Wasserspiegelungen eintauchen. Einfach sein.“

Ich

Das eine, dieses schwere Päckchen, wird langsam leichter. Es wiegt zwar immer noch genauso viel, aber ich trage es nicht mehr jeden Tag hin und her, sondern nur noch sagen wir mal einmal in der Woche. Die anderen Päckchen, die auch die ganze Zeit da waren und keine Beachtung finden konnten, bekommen nun wieder mehr Bedeutung und Zuwendung. Das ist gut so, weil es schön ist, sich auch wieder für andere einzusetzen, aktiv zu werden, teilzunehmen. Positiv einzuwirken, etwas zu bewirken oder zu bewegen. Nicht nur um sich selbst zu kreisen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Gabi Lenz Gabi Lenz sagt:

    Liebe Kathrin,
    diesmal ist es besonders schwer, Deine Worte zu kommentieren, weil sie für sich stehen und vollkommen sind in Ihrer Ehrlichkeit und Offenheit. Natürlich gibt es nur wenige Menschen, die in den dunklen Stunden an Deiner Seite sind und Dich so erleben. Wer geht schon gerne mit seinem Leid hausieren in dieser nach Perfektion jagenden Welt… Und wenn Dir andere sagen, wie bewundernswert Du das alles schaffst und Dich täglich neu motivierst oder bezaubern lässt, dann gibt es dafür viele Gründe. Ich kann nur für meinen sprechen – ich sehe eine junge Frau, die woher auch immer die Kraft nimmt, wieder aufzustehen und nach vorn schaut und ich will aus ganzem Herzen, dass Du diesen Kampf gewinnst.
    Danke für diesen Moment des Lesens und Innehaltens – Du solltest mehr schreiben, es macht vielen Hoffnung. Herzlichst Gabi:-)

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    1. Liebe Gabi, du schaffst es trotzdem auch diesmal, besondere und auffangende Worte zu finden und aufzuschreiben. Danke dafür ganz sehr!!!
      Und ob es Hoffnung macht, kann ich nicht beurteilen. Zumindest taugt es vielleicht oder sicherlich zum verstehen was es mit einem macht ☺️. 💛 Kathrin

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