Wenn man plötzlich eine Diagnose erhält, die man nicht im geringsten erwartet und eigentlich von sich weisen möchte, was tut man dann am besten? Welche Fragen stellt man, was alles stellt man infrage und wer beantwortet sie einem? Wohin mit der Fassungslosigkeit auf diese derbe Klatsche des Lebens und dann dieser Satz „Was wäre wenn…“
27.10. Ich versuche sie nun seit fast einem Monat einzuordnen, zu integrieren, mich dran zu gewöhnen an diese eine Nachricht, die alles ändert. Oder auch erstmal nicht alles. Jeder hat da eine andere Herangehensweise mit schwierigen Situationen. Meine ist vielleicht „vorerst alles Unangenehme wegschieben“. Wohin? Auf den nächsten Tag, die nächste Woche, auf ‚Wenn es soweit ist‘. Lieber den Tag genießen, die Sonnenstrahlen einfangen, den beginnenden Herbst schätzen und fotografieren.



Nicht dass der Eindruck entsteht, ich würde es ignorieren. Das auf keinen Fall. Mein Organisationsschalter springt natürlich an wie ein bewährter Motor. Wer muss es wissen, was muss umgeplant werden. Wen betrifft es dann alles. Wer erfährt alles und wer zuerst nur ein Stück. Wo kann es noch warten. Glücklicherweise war der Tag der Diagnose ein wunderschöner Sonnenscheintag. Ich war geschockt von dem was mir die Ärztin da erzählte, hab aufs Papier geschielt, weil ich dachte sie haben sich vertan. Mich verwechselt. Bin lange Zeit im Gespräch ganz tapfer, auch dank meiner lieben Begleitung, und muss dann doch weinen, als die Ärztin sagt: „Tuen Sie was Ihnen gut tut.“
War das nicht gerade das Thema meiner selbstgewählten Blogreihe?! Es trifft mich total dieser Satz, ich bemühe mich, sie wieder wegzudrücken, die Tränen. Denke irgendwie, mit Maske sieht man es nicht so sehr. Doch, die Augen sind ja frei… A. fragt später, als ich noch zum Blut abnehmen muss, die Ärztin, was sie denn nun mit mir machen kann. Sie sagt: „Nicht viel. Es ist ein bisschen wie Liebeskummer, wo man selbst durch muss.“
30.10. Stimmt, man muss alleine durch. Es ist wie mit allen Dingen, ob schlecht oder schön, aufregend oder langwierig, ob Achterbahn oder Krankheit: Man kann sich alle Berichte von Jedem dazu anhören und seine Erfahrungen damit, aber erst wenn man es selber erlebt hat, weiß man wie es ist. Wie es sich anfühlt. Was man durchmachen muss, wieviel Mut man braucht, wieviel Kraft, wieviel Optimismus, wieviele Freunde. Wieviel Sonne im Herzen.
Jeder ist für sich selber verantwortlich und muss letztlich irgendwo in sich das Gefühl bekommen, was richtig oder falsch ist, was einem gut tut und was nicht. Dennoch ist es leichter, wenn man ein sicheres Netz hat, was einen auffängt falls nötig. So eine Sicherheit ist meines Erachtens ein wesentlicher Baustein um eine schwierige Phase wie diese zu überstehen. Ich habe tatsächlich das Glück ein solches Netz zu haben, jetzt. Bin mir nicht sicher, ob es vor 10 Jahren auch schon so dicht war.
Ich fühle mich diesen Sommer immens stark und habe das Gefühl, endlich so zu sein wie ich bin. Wahrgenommen und geschätzt zu werden in dem was ich bin, und habe einen Moment an einem Morgen wo mir ein Satz wie eine wahrgewordene Eingebung erscheint: „Nur wer mit sich selbst glücklich ist, kann auch andere glücklich machen.“ Das hat lange gedauert bis hierhin, über all die Zeit waren es immer nur einzelne Bereiche des Lebens, die erfüllt waren davon. Jetzt sind es fast alle. Oftmals fand ich Cluesos Songzeile aus „Achterbahn“ schon ganz passend noch für mich, ein bisschen planlos zu sein, auch wenn es von außen nicht so aussah. Als ob ich planlos wäre. Er hatte sich halt irgendwie einfach so ergeben. Und jetzt ist er seit einiger Zeit schon von mir in Frage gestellt und K. meint, mein Körper sagt mir nun mit aller Macht, dass der Plan geändert werden muss.



2.11. Manchmal überleg ich: was wäre wenn… sie schon im Februar nach der ersten Untersuchung die Diagnose gestellt hätten? Ich hätte einen wunderbaren Sommer verpasst, einen tollen Urlaub, meine Blogreihe wäre mir vielleicht nicht eingefallen, ich hätte einige tolle Menschen nicht kennengelernt, viele schöne Momente verpasst. Die Zeit hätte mir eigentlich sehr gefehlt, auch zum wachsen von mir selbst. Manchmal überlege ich auch: was wäre wenn…ich nicht letztes Jahr diese Lungenkrankheit gehabt hätte. Hat sie eventuell etwas in meinem Körper verdreht, was nun dazu geführt hat?



4.11. Die Gedanken drehen sich nun, nach Start der Therapie, jetzt ist November, immer weiter. Nicht warum, sondern wie wird es sich anfühlen, das alles. Ich kann nicht locker damit umgehen, mache mir eigentlich bei jedem Anderssein meines Körpergefühls Sorgen, ob das so sein muss. Steigere mich rein, versuche mich abzulenken. Aber es klappt nicht so richtig. Das trübe Wetter legt sich zusätzlich aufs Gemüt. Es ist Drama Zeit. Und ich muss da wieder raus!





7.11. Die Psychologin, die ich aufgesucht habe, hat mich tatsächlich aufgerüttelt bekommen. Mit einem Gespräch, dass mich abgeholt hat und mir Mut zugesprochen hat. In einem Wohlfühlraum und dem Blick in die Natur. Und ich habe gemerkt, die Natur ist einfach auch eines meiner wichtigsten Ankerplätze: wenig Reize für Augen und Geist tuen unheimlich gut, Wind Sonne Kälte tuen gut auf der Haut, die einfache Schönheit eines ganz normalen Thüringer Höhenzugs sind sehr beruhigend, erdend und völlig ausreichend für das kleine Glück.
Ehrlich und kompromisslos, gestärkt und doch erwartend. Es ist Zeichen Deiner Stärke, auch hiermit in die Öffentlichkeit zu gehen und Deinen Gefühlen, auch Zweifeln freien Lauf zu lassen.
Denn es gibt kein Rezept, keine allumfassenden und sicheren Ratschläge.
Die Kraft ruht in Dir, die Natur ist der Boden dafür und Dein Netz die Sicherheit aufgefangen zu werden, wenn Du strauchelst. Du bist ein erstaunlicher und besonders wertvoller Mensch liebe Kathrin und ich bin glücklich, Dich zu kennen:-)
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Liebe Gabi, ich bin ein Glückspilz Dich zu kennen! ☺️ Danke für deinen wunderbaren Kommentar, der sich wie eine Zusammenfassung liest. 😍😊 Danke für Deine Treue und Dein Mitfühlen 😚
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